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Not too long, please read: Eindrücke von der re;publica19

Letzte Woche war ich auf der re;publica19 in Berlin. Für diejenigen unter euch, denen das nichts sagt: Die re:publica ist, gemäß eigener Beschreibung, „die größte Konferenz zu den Themen Internet und digitale Gesellschaft in Europa“. Gemeinsam mit der re:publica wird seit einigen Jahr zudem die Media Convention Berlin veranstaltet. Digitales & Medien, da darf die Medienbloggerin natürlich nicht fehlen.

Deko für die re;publica 19 auf dem Hof der STATION Berlin

Es war mein zweiter Besuch bei der dreitägigen Veranstaltung in Berlin und wie beim ersten Mal im vergangenen Jahr hat es mir auch dieses Mal insgesamt wieder gut gefallen. Natürlich gibt es bei Events dieser Größe immer etwas, das aus Sicht der Besucher*innen nicht so gut läuft. Ich hätte z.B. den Bundespräsidenten, der die Eröffnungsrede gehalten hat, gern „live“ gesehen und habe mich dafür – anders als andere – auch brav angestellt, wurde dann aber zu einer Video-Leinwand umgeleitet, weil es im Saal wohl schon zu voll war. Schade.

Viele Menschen, viel Programm, viel Vielfalt

Überhaupt fühlte es sich für mich am Anfang alles etwas zu voll, zu laut und zu hektisch an und ich brauchte einen Moment, mit einem Kaffee in einer ruhigen Ecke, um mich etwas zu sortieren. Zum Glück gab es diese Möglichkeit – die Verpflegungsmöglichkeiten vor Ort waren vielfältig, wenn auch vielleicht ein wenig teuer, und die vielen Teilnehmer*innen haben sich auf dem großzügigen Gelände dann doch so gut verteilt, dass man immer irgendwo ein Plätzchen finden konnte, um den Akku aufzuladen – den eigenen, den des Smartphones oder beide.

Das Programm war, wie im vergangenen Jahr, sehr interessant, was es aber auch schwierig machte, sich zu entscheiden. Diese Entscheidung wurde mir einige Male dadurch abgenommen, dass ich nicht in alle sogenannten „Sessions“ reingekommen bin, in die ich eigentlich wollte – wie gesagt, zu voll. Dafür war ich dann aber bei welchen, die ich eigentlich nicht auf dem Zettel hatte. Es gab Sessions, die sich nach der Beschreibung toll angehört hatten, letztlich aber enttäuschten, und welche, von denen ich nicht viel erwartete hatte und die mich überrascht und begeistert haben.

Eine Session, die ich auf jeden Fall mitnehmen wollte, war ein Panel zu Diversität in Film und Fernsehen. Hier hatte ich keine Schwierigkeiten, einen Platz zu finden, wobei das eigentlich ein wenig bedauerlich ist. Wie toll wäre es gewesen, wenn sich so viele Menschen auf der re:publica bzw. der MCB für dieses Thema interessiert hätten, dass der Raum aus allen Nähten geplatzt wäre? Inhaltlich gab es kaum neue Erkenntnisse, Deutschland hat in Sachen Vielfalt vor und hinter der Kamera nach wie vor enormen Nachholbedarf. Aber es ist immerhin schon ein Fortschritt, wenn eine Vertreterin eines öffentlich-rechtlichen Senders sich hier aufgeschlossen zeigt. Allerdings wurde auch deutlich, wie viel Aufklärungsarbeit immer noch zu leisten ist, insbesondere wenn es darum geht, vielfältige Geschichten zu erzählen, und welche Hindernisse insbesondere auch in den Köpfen der Entscheider*innen zu überwinden sind.

Fernsehtrends und neue Serien

Bei meiner persönlichen Planung hatten daneben vor allem solche Programmpunkte Priorität, bei denen es um TV im weitesten Sinne ging, also z.B auch das Thema Streaming. Und da gab es einige interessante Sessions, z.B. „What’s up TV? – Entertainment from Abroad“, wo internationale Trends für Fernsehformate vorgestellt wurden, und „Game of VODs“, wo es um aktuelle Entwicklungen auf dem Markt der Streaming-Anbieter und potenzielle Herausforderer für Netflix und Amazon ging.

Einen konkreten Mehrwert für mich als Bloggerin, die insbesondere über Serien schreibt, hatte vor allem die Veranstaltung „TV Made in Germany – Meet the Team“, denn danach sind gleich zwei deutsche Serien auf meiner „Auf jeden Fall mal reinschauen“-Liste gelandet. Das ist für mich, die deutschen Serien gegenüber eine gewisse – sicherlich nicht immer berechtigte, aber dennoch tiefsitzende – Grundskepsis entwickelt hat, schon eine wirkliche Überraschung.

Geholfen hat da bestimmt, dass bei Das Wichtigste im Leben (läuft ab dem 5.6. bei Vox) u.a. eine Regisseurin im Team dabei war und dass die Hauptrolle in Die neue Zeit (wird voraussichtlich im Herbst bei Arte und im ZDF ausgestrahlt) von Anna Maria Mühe gespielt wird, die die Serie ebenfalls selbst mit vorgestellt hat. Warum das geholfen hat? Weil ich bei der entsprechenden Veranstaltung im letzten Jahr, bei der u.a. „8 Tage“ vorgestellt wurde, von der Männerlastigkeit der jeweiligen Teams nicht nur entgeistert, sondern schwer genervt war. Sind Frauen im Team eine Garantie für gute Serien? Nicht unbedingt. Aber eine andere als die rein männliche Perspektive schadet sicherlich nicht und macht eine Serie für mich häufig interessanter.

“Ist das gerade wirklich das Thema?”

Ansonsten fand die studierte Medienwissenschaftlerin in mir eine Diskussion zum Thema Relevanz in digitalen Zeiten (“Ist das gerade wirklich das Thema?”) mit u.a. Marietta Slomka sehr interessant, habe ich einige neue Facetten von Instagram kennengelernt und mich von der EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager beeindrucken lassen. (Dass es Spekulationen gibt, sie sei das Vorbild für die Hauptfigur in Borgen, einer meiner absoluten Lieblinsgsserien, kann da vielleicht auch eine gewisse Rolle gespielt haben. ;))

Eine ziemlich Pleite war dagegen eine Session, in der es laut Titel eigentlich um #MeToo gehen sollte und die Frage, was die Filmbranche gelernt hat, bei der die Teilnehmer*innen darüber aber nicht sprechen, sondern lieber ihr aktuelles Filmprojekt vorstellen wollten. Hier wurde ebenfalls die Frage aufgeworfen, ob das eigentlich gerade das Thema ist, allerdings vom Publikum, das angesichts des Titels eine andere Veranstaltung erwartete hatte und entsprechend irritiert war. Trotz mehrerer Nachfragen blieb das Panel beim Thema #MeToo aber sperrig, was ziemlich ärgerlich war. Entweder waren der Titel oder die Teilnehmer*innen falsch gewählt, jedenfalls passte da nichts zusammen.

“too long; didn’t read”

Die re:publica stand in diesem Jahr unter dem Motto „tl;dr“, was im Internet-Sprech die Abkürzung für „too long; didn’t read“ ist. Gemeint ist damit, dass längere Texte häufig nicht mehr gelesen werden, sondern man sich auf Zusammenfassungen beschränkt. Das ist in unserer schnellebigen Zeit, in der gerade auch durch die digitalen Medien rund um die Uhr Unmengen an Informationen auf uns einstürzen und verarbeitet werden wollen, verständlich. Die Veranstalter*innen haben auf der Webseite der re:publica 2019 beschrieben, was sie mit dem Motto zum Ausdruck bringen wollen:

„Die Dinge wollen durchdacht, diskutiert und von verschiedenen Seiten betrachtet werden. Darum widmen wir die nächste re:publica der Langform, dem Kleingedruckten, den Fußnoten, der Kraft der Recherche, der Kraft der Kontroverse und der Dringlichkeit, die Themen, die uns spalten (oder vereinen!), NICHT zu vereinfachen.“

Als eine der wahrscheinlich wenigen Internetnutzerinnen, die Nutzungsbedingungen zwar nicht immer, aber häufig tatsächlich liest, bevor sie sie annimmt, und die sich gern mal in komplexe Themen einarbeitet, kann ich dem sehr viel abgewinnen. Auf der re;publica19 wurde das Motto durch den Roman Moby-Dick von Herman Melville symbolisiert, dessen Text sich, auf lange Papierbahnen gedruckt, durch die Halle zog. Fast jeder weiß, um was es in dem Roman geht, gelesen hat ihn aber kaum jemand. Wer wollte, konnte dies in den drei Tagen der Veranstaltung ändern. Analoges Lesen auf einer Digitalkonferenz – auch das ist re:publica.

Vom Titel bis “Finis”: Text von Moby-Dick bei der re;publica 19

The End; oder: “Anyway the wind blows…”

Ein Programmpunkt, den ich mir ebenfalls nicht entgehen lassen wollte, war der Abschluss. Weil ich im vergangenen Jahr bereits dabei war, wusste ich diesmal, was gemeint war, wenn mich jemand fragte, ob ich noch singen gehe. Denn am Schluss der re:publica wird traditionsgemäß gesungen, und zwar „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Und da war es dann auch für mich mal okay, dass so viele Leute da waren, denn wenn nicht nur einige wenige, sondern mehrere hundert Stimmen „Mamaaaa, uh-hu-hu-huuuu“ schmettern, dann hat das einfach was.

Bei der Abschlussveranstaltung wurde auch der Termin für die re:publica 20 bekannt gegeben: 6. – 8. Mai 2020. Ist in meinem Kalender jedenfalls schon mal notiert.

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