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Serientipp: One Mississippi

Wie schon Staffel 1 überzeugen auch die gerade erschienen neuen Folgen von „One Mississippi“ mit sympathischen Figuren sowie einer gelungenen Mischung aus ernsten Themen und viel Humor. Sehenswert.

Tig Notaro in „One Mississippi“

Anfang des Jahres habe ich in einem längeren Blogbeitrag mal geschrieben, auf welche Serien ich mich 2017 freue. Mit auf der Liste war die zweite Staffel von One Mississipi. Staffel 1 der Comedyserie von und mit Tig Notaro habe ich letztes Jahr an einem Abend durchgebinged, nachdem ich eigentlich „nur mal reingucken“ wollte.

Ähnlich ging es mir gestern Abend mit Staffel 2. Die neuen Folgen sind am vergangenen Freitag erschienen, wieder bei Amazon Prime, und ich wollte gestern Abend nur mal schnell in die ersten Folgen reinschauen, weil ich auf Twitter schon wieder so viel Gutes gelesen hatte. Am Ende des Abends – leider deutlich nach Mitternacht – hatte ich alle sechs neuen Folgen und damit die komplette zweite Staffel geguckt und konnte dann immer noch nicht schlafen gehen, weil ich das, was ich gesehen hatte, erst einmal sacken lassen musste. Denn One Mississippi ist zwar auf der einen Seite sehr unterhaltsam und witzig, schreckt aber auch nicht vor ernsten Themen zurück und die Schauspielerinnen und Schauspieler um Hauptdarstellerin Tig Notaro spielen das so großartig, dass es unter die Haut geht.

Kurz zum Inhalt: One Mississippi basiert auf realen Ereignissen im Leben der amerikanischen Stand-Up-Komikerin Tig Notaro. Als sie vor einigen Jahren an Brustkrebs erkrankte, machte sie dies auf der Bühne zum Thema. Innerhalb kurzer Zeit musste sie nicht nur diese Krankheit, sondern auch eine lebensbedrohliche Darminfektion, den plötzlichen Tod ihrer Mutter sowie die Trennung von ihrer Freundin verkraften. Ihr Auftritt, in dem sie es schaffte, diesen Schicksalsschlägen mit einer gehörigen Prise Galgenhumor zu begegnen, machte sie über Nacht in den USA berühmt.

All dies – Krankheit, Trennung, Tod der Mutter – verarbeitet sie auch in One Mississippi.

Als die Mutter von Radiomoderatorin Tig Bavaro, wie sie in der Serie heißt, im Sterben liegt, reist Tig aus Los Angeles zurück in ihren Heimatort im US-Bundesstaat Mississippi. Tig selbst hat gerade erst eine Brustkrebs- und eine schwere Darmerkrankung überstanden. Nach dem Tod der Mutter bleibt sie zunächst in Mississippi, um sich weiter zu erholen und ihrem Stiefvater und ihrem Bruder bei der Durchsicht der Sachen ihrer Mutter zu helfen. Dabei kommen nach und nach Familiengeheimnisse ans Licht. Am Schluss von Staffel 1 entscheidet Tig sich, dauerhaft in ihre Heimat zurückzukehren.

In Staffel 2 hat Tig sich in ihrer Heimat wieder eingewöhnt. Sie moderiert eine erfolgreiche Radiosendung in einem lokalen Sender und hat ein Auge auf ihre Produzentin Kate geworfen. Tigs Stiefvater Bill freundet sich mit der Versicherungsangestellten Felicia an, die wie er großen Wert auf Ordnung und Effizienz legt. Ihr Bruder Remy stürzt sich Hals über Kopf in eine Beziehung mit der alleinerziehenden Mutter Desiree.

Während es in Staffel 1 im Schwerpunkt noch um die Trauerarbeit ging und wie Tig, Remy und Bill als Familie wieder zusammenfinden, richten die Figuren ihren Blick in Staffel 2 nach vorne. Das Leben geht weiter. Liebe und Beziehungen spielen dabei eine große Rolle und die Frage, wer der oder die Richtige für einen ist. Bill, der glaubt, nach dem Verlust seiner Frau nie wieder eine Beziehung eingehen zu können, wird von seinen Gefühlen für Felicia komplett überrollt. Nebenbei hat er noch mit der lauten, übergriffigen Art von Desiree zu kämpfen, die Remy mitsamt Kind nach nur wenigen Wochen Beziehung im Haus einquartiert, obwohl er selbst seine Schwierigkeiten zu haben scheint, sich auf diese Beziehung einzulassen. Tig wiederum ist sich sicher in ihren Gefühlen für Kate, die jedoch unsicher ist, was ihre Gefühle für Tig tatsächlich bedeuten.

Die zweite Staffel von One Mississippi ist wie Staffel 1 eine gelungene Mischung aus ernsten Themen und viel Humor. Dabei gehen die neuen Folgen sehr kritisch mit Trumps Amerika ins Gericht. Es wird deutlich, wie sich die Stimmung im Land verändert hat und wie Diskriminierung und Rassismus plötzlich wieder akzeptabel scheinen. Dass dabei keine „Wir gegen die“-Dynamik entsteht, hängt insbesondere mit der Figur Desiree zusammen, die alle Eigenschaften zu verkörpern scheint, die Trump-Anhänger*innen allgemein zugeschrieben wird: Laut, anstrengend, nicht sehr clever. Sie glaubt an Gott und nicht an die Evolution und begegnet Sexismus mit einem nachsichtigen „boys will be boys“. Da Remy aber entschlossen ist, sie zum Teil der Familie zu machen, müssen sich Bill und Tig sowie im weiteren Verlauf auch Felicia und Kate wohl oder übel mit ihr arrangieren.

Was mir bei der zweiten Staffel von One Mississippi besonders aufgefallen ist: Wie sehr die Serie ihre Figuren ernst nimmt. Soll heißen: Ja, es wird mit Stereotypen gespielt, aber den Figuren wird auch immer wieder Raum gegeben, aus diesen auszubrechen, sich anders zu verhalten, als man das vielleicht erwartet. Sie sind komplex. Besonders deutlich ist mir dies bei Desiree aufgefallen. Aber auch Bill macht in den neuen Folgen eine interessante Entwicklung durch und seine aufkeimende Romanze mit Felicia ist mit sehr viel Wärme und Herz erzählt.

One Mississippi ist, wenn man die Serie wegen der Lesbe guckt und plötzlich auch das ältere Hetero-Paar „shippt“.

Aber apropos Lesbe, die zentrale Romanze der Serie ist natürlich die zwischen Tig und Kate. Auch hier schaffen es die Serienmacher*innen, viele Klischees zu umschiffen und vor allem auch Kates Entwicklung stimmig zu erzählen. Es würde mich nicht wundern, wenn nicht auch hier wieder Anleihen genommen wurden an die tatsächliche Liebesbeziehung zwischen Tig Notaro und „Kate“-Darstellerin Stephanie Allynne, die inzwischen verheiratet sind und zwei Kinder haben. Kein Wunder also, dass die beiden eine so wunderbare Chemie haben, dass man ihnen gern zusieht.

In meinem Blogbeitrag von Anfang des Jahres hatte ich geschrieben, dass ich gespannt bin, ob Staffel 2 von One Mississippi das Niveau von Staffel 1 halten kann. Nach meinem „Binge-Watching“ von gestern Abend ist die Antwort klar: Und wie sie das kann. Ich hoffe jedenfalls jetzt schon auf eine dritte Staffel.

„One Mississippi“ ist bei Amazon Prime verfügbar. Wer auf Tig Notaro neugierig geworden ist, dem sei auf jeden Fall auch die Dokumentation „Tig“ bei Netflix empfohlen, zu der ich hier schon mal etwas geschrieben habe.

Autor/in: Meike

Bloggerin, Serienguckerin, Ellen DeGeneres-Fan, Wahl-Hamburgerin und noch einiges mehr. Hier schreibe ich regelmäßig über irgendwas mit Medien, vor allem Serien.

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