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„The Fall“: Wie das ZDF sich eine Serie zurechtschneidet

Ärgerlich: Frei nach dem Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht“ zeigt das ZDF nicht die Orginalversion der BBC-Serie „The Fall“, sondern eine eigene, gekürzte Schnittfassung. Begründung: Die Programmplanung.

(Bitte Update am Ende des Artikels beachten!)

Gillian Anderson als DSI Stella Gibson in "The Fall" (Bild: ZDF/Steffan Hill)

Gillian Anderson als DSI Stella Gibson in „The Fall“ (Bild: ZDF/Steffan Hill)

Dass deutsche Fernsehsender Probleme haben, international erfolgreiche Serien so in ihrem Programm zu platzieren, dass sie auch beim deutschen Publikum ankommen, ist ein allgemein bekanntes Phänomen. Da werden Serien hektisch auf Programmplätzen hin und her geschoben oder spontan in Doppelfolgen versendet, wenn die Quote nicht den Erwartungen der Senderverantwortlichen entspricht. Gezeigt wird dabei immer die Synchronversion, die häufig schlecht ist, aber trotzdem so etwas wie der heilige Gral der deutschen Fernsehkultur zu sein scheint. Immerhin kann man viele Serien inzwischen in den Mediatheken der Sender „nachgucken“, Originalfassungen findet man dort allerdings meist auch nicht. Kein Wunder also, dass die meisten Serienfans für ihren regelmäßigen Serienkonsum inzwischen lieber auf VOD-Anbieter wie Netflix oder Amazon zurückgreifen, als die Serien im linearen Fernsehen zu sehen.

Diesem Trend schien nun das ZDF etwas entgegensetzen zu wollen, indem es die international hochgepriesene BBC-Produktion The Fall zwei Wochen vor Beginn der Ausstrahlung im TV – immerhin auf dem renommierten Sonntagabend-Krimisendeplatz – komplett in die Mediathek stellte, und zwar sowohl in der Synchronversion als auch in einer Originalfassung mit Untertiteln. So weit, so lobenswert.

Was mich allerdings bereits bei der Ankündigung ein wenig wunderte: Wieso ich in der Mediathek sechs Folgen fand, wenn die erste Staffel der Serie eigentlich nur aus fünf Folgen besteht. Ich erklärte es mir so, dass man wohl nicht nur die erste, sondern gleich auch die zweite Staffel zeigt, und zwar in Doppelfolgen. Dass auch dies nicht so recht stimmig war, da die zweite Staffel aus sechs Folgen besteht, entschied ich zu ignorieren – vielleicht wäre die sechste Folge im ZDF ja eine Einzelfolge? Denn die Alternative konnte ich mir nicht vorstellen: Dass man beim ZDF die Folgen so zusammengeschnitten hatte, dass es passte.

Genau das ist aber passiert. Und dabei hat man auch gleich noch einige Szenen gekürzt. So wurden aus elf Folgen à 60 Minuten sechs Doppelfolgen à jeweils 90 Minuten. Die Begründung des ZDF, wie sie u.a. auf Twitter zu lesen ist: Die Programmplanung.

Was man beim ZDF entweder nicht realisiert oder bewusst ignoriert hat: Wie hochwertiges serielles Erzählen heute funktioniert. Selbst wenn eine Serie horizontal erzählt wird, haben auch die einzelnen Folgen häufig eine eigene Dramaturgie, die zum Gesamteindruck beiträgt. Dafür ist jede Szene entscheidend – auch wenn sie die Geschichte auf den ersten Blick nicht vorantreibt. Und selbst wenn die Folgen der zweiten Staffel, wie man in Kritiken zum Teil lesen kann, gewisse Längen hatten, beruht dies auf den Entscheidungen der Serienmacher. Was für eine Anmaßung auf Seiten des ZDF, hier mal eben ein bisschen herumzuschneiden, weil es sonst nicht ins Programmschema passt.

Was mich besonders ärgert: Dass man nur eine Chance auf einen ersten Eindruck hat. Selbst wenn ich The Fall jetzt noch einmal ungekürzt im Originalschnitt sehe, wird mein erster Eindruck alle meine weiteren Eindrücke überlagern. Weil ich weiß, was passiert, kann ich nicht mehr unbefangen beurteilen, welche Rolle die Dramaturgie einzelner Folgen im Hinblick auf mein Spannungsempfinden, mein Sehvergnügen und meinen Gesamteindruck von der Serie spielt.

Beim ZDF wollte man Serienfans sicherlich einen Gefallen tun, indem man die Serie endlich nach Deutschland geholt und sie vorab auch in der Originalversion in die Mediathek gestellt hat. Die Frage ist, ob man ihnen nicht einen Bärendienst erwiesen hat. Bei mir ist das ganz sicher so.

Update (22.2.16):

Laut Auskunft des ZDF, wo ich aufgrund des anhaltenden Interesses an diesem Thema noch einmal nachgehakt habe, hat nicht das ZDF selbst nachträglich eine Schnittversion der Serie erstellt, wie es aufgrund meiner Nachfrage bei Twitter und aufgrund weiterer Recherchen den Eindruck gemacht hat. Die Zuschauerredaktion schreibt hierzu:

„Tatsächlich haben die BBC-Fassung und die ZDF-Fassung unterschiedliche Längen, „The Fall“ Staffel 1 und 2 war eine Koproduktion von Artists Studio mit BBC Northern Ireland und  ZDF-Enterprises/ZDF. In dieser Koproduktionsgemeinschaft wurden zwei unterschiedliche Fassungen hergestellt: die Fassung für BBC 2 (insgesamt 10 x 60 und einmal 90 Minuten) sowie die ZDF-Fassung (6 x 90 Minuten) für den Sonntagskrimi-Sendeplatz im ZDF(22 Uhr).  Diese zweifache Formatierung gibt es auch bei Serien wie „Die Brücke-Transit in den Tod“, „Kommissarin Lund“ oder „The Team“. Hier werden bereits in der Entwicklung zwei unterschiedliche Formate geplant. ZDF-Enterprises vertreibt dann beide Fassungen, die Sender können so das für ihren jeweiligen konkreten Sendeplatz passende Format erwerben.“

Weitere Fragen von mir zu diesem Thema – nämlich u.a. wie genau entschieden wird, welche Handlungsstränge der Langversion nicht so relevant sind, dass sie auch in der Kurzversion enthalten sein müssen – wurden leider nicht beantwortet.

Autor/in: Meike

Bloggerin, Serienguckerin, Ellen DeGeneres-Fan, Wahl-Hamburgerin und noch einiges mehr. Hier schreibe ich regelmäßig über irgendwas mit Medien, vor allem Serien.

6 Kommentare

  1. Lange hatte ich mich auf diese Serie gefreut. Meine Erwartungen erfüllten sich nicht.
    Zuerst dachte ich, dass es vielleicht an der Synchronisation läge. Diese fühlte sich manchmal fremd an, als wenn der Text, die Sprechgeschwindigkeit oder die transportierten Emotionen nicht zu den Bildern passen würden. Es passiert selten, dass mir so etwas auffällt. Erst im Nachhinein las ich, dass die Folgen geschnitten wurden. Das bestätigte eine während des Anschauens noch unbewusste Wahrnehmung. Es schien hin und wieder etwas zu fehlen, was zu der momentan gezeigten Handlung hinführte oder diese erklärbar machte.
    Spannung baute sich bei mir leider nie auf. Gelegentlich hielt ich tapfer durch. Ob dies an der Serie oder der deutschen Bearbeitung lag, vermag ich nicht zu beurteilen.
    The Fall enttäuschte mich. Eine Fortsetzung werde ich mir nicht ansehen.

    • Das ist halt auch genau mein Problem, dass ich überhaupt nicht beurteilen kannn, wie der Schnitt sich ausgewirkt hat. Ich habe mir deshalb überlegt, mir bei Gelegenheit jetzt doch noch mal die Originalfassung anzusehen. Und so enttäuscht, dass ich nicht weitergucke, bin ich auch nicht – das lohnt sich m.E. allein schon wegen Gillian Anderson und Archie Panjabi. 😉

  2. Ist es denn zu fassen….
    Ein unmöglicher Sendeplatz,
    verschnittenes Material,
    ein vergeudetes Ende, dass einem die vergeudete Zeit so sehr vor Augen führt.. „Er stirbt“, zack, Abspann..
    Was sind das für Entscheider und Entscheidungen, die eine gute und spannend inszenierte Geschichte so ruinieren dürfen.
    Wie es schon ein anderer Kommentator erwähnt hat, wird es kein zweites, befriedigendes Seherlebnis mehr geben, nachdem das ZDF die Geschichte so ruiniert hat.
    Frustrierend ist das, wenn einem eine gute Geschichte so zerstört wird.

  3. Update: Ich habe gesehen, dass es inzwischen die ungekürzte Fassung auf DVD zu kaufen gibt. Immerhin etwas. Vielleicht kommt die ungekürzte Fassung ja dann auch zu dem ein oder anderen VOD-Anbieter.

  4. Übrigens, die Serie wurde nicht fertig eingekauft und dann vom ZDF „zurechtgestückelt“, sondern von Anfang an so in einer Cooperation so geplant.

    Die ZDF-Zuschauerredaktion hierzu:
    „Tatsächlich haben die BBC-Fassung und die ZDF-Fassung unterschiedliche Längen, „The Fall“ Staffel 1 und 2 war eine Koproduktion von Artists Studio mit BBC Northern Ireland und ZDF-Enterprises/ZDF. In dieser Koproduktionsgemeinschaft wurden zwei unterschiedliche Fassungen hergestellt: die Fassung für BBC 2 (insgesamt 10 x 60 und einmal 90 Minuten) sowie die ZDF-Fassung (6 x 90 Minuten) für den Sonntagskrimi-Sendeplatz im ZDF(22 Uhr). Diese zweifache Formatierung gibt es auch bei Serien wie „Die Brücke-Transit in den Tod“, „Kommissarin Lund“ oder „The Team“. Hier werden bereits in der Entwicklung zwei unterschiedliche Formate geplant. ZDF-Enterprises vertreibt dann beide Fassungen, die Sender können so das für ihren jeweiligen konkreten Sendeplatz passende Format erwerben.“

    • Danke für die Info. Hast du dafür einen Link oder hattest du beim ZDF angefragt? Ich hatte bei meiner Recherche dazu nämlich nichts gefunden, es klang tatsächlich überall so, als hätte das ZDF selbst geschnitten.

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